Jesus Christus ist der Herr! Phil 2, 11

Märtyrer – Henoch

Adam hatte seine beiden Söhne verloren. Kain, sein Erstgeborener, hatte Abel, den Zweitgeborenen, auf einem Feld erschlagen. Danach war er von Gott vertrieben worden. Wahrscheinlich hatte er seine Eltern nie mehr wieder gesehen. Aber Adam hatte noch Eva an seiner Seite, die Mutter aller Lebenden. Sie schenkte ihm weitere Kinder. Der «neue» Erstgeborene war Seth (d. i. Ersatz, Stellvertreter; vgl. 1. Mose 4, 25). Bei Seths Geburt war Adam 130 Jahre alt (1. Mose 5, 3). Seths Linie setzte sich in Enos fort, der 105 Jahre später zur Welt kam (1. Mose 5, 6). «Enos» bedeutet Mensch, aber in einem anderen Sinne als «Adam», nämlich die Schwachheit, die Hinfälligkeit und die Nichtigkeit des Menschen betonend. Adam, der Mensch nach dem Willen Gottes, Sein Ebenbild, war nicht als schwach, hinfällig und nichtig erschaffen worden. Das war nicht die Absicht Gottes gewesen. Adam war der Mensch, wie er hätte sein sollen. Nach seinem Fall, der alles kaputt gemacht und die Sünde und den Tod in die Welt gebracht hatte, war der Mensch aber schwach, hinfällig und nichtig. Wir alle sollten Adam sein, sind aber Enos. Die Krankheiten, an denen wir leiden, unsere physischen und geistigen Einschränkungen und der Umstand, dass wir alle sterben müssen, zeugen von unserer Schwachheit und von unserer Nichtigkeit. Der Prediger, der sich mit der Weisheit unter der Sonne beschäftigt hat, hat es auf den Punkt gebracht: 16 Denn dem Weisen wie dem Toren wird keine ewige Erinnerung zuteil, weil in den kommenden Tagen alles längst vergessen sein wird Pred 2, 16. Für den natürlichen Menschen, der nur untersuchen kann, was unter der Sonne – also sichtbar und messbar – vor sich geht, scheint es kein Leben nach dem Tod zu geben, was sich im Lichte der Bibel allerdings als ein fataler Trugschluss erweist. Der natürliche Mensch kann nur die Nichtigkeit der Menschen beobachten, die reihenweise sterben und in Vergessenheit geraten.

Enos zeugte im Alter von 90 Jahren Kenan (1. Mose 5, 9). «Kenan» bedeutet erworben. Kenan zeugte im Alter von 70 Jahren Mahalalel (1. Mose 5, 12), «Gottlob». Mahalalel zeugte im Alter von 65 Jahren Jered (1. Mose 5, 15), «Niederung». Jered zeugte im Alter von 162 Jahren Henoch (1. Mose 5, 18), «Einweihung» oder den Eingeweihten, den Belehrten. Henoch war also der Siebte von Adam Judas 1, 14: Adam, Seth, Enos, Kenan, Mahalalel, Jered, Henoch – Mensch, Stellvertreter/Ersatz, gefallener Mensch, erworben, Gottlob, Niederung, Belehrter. Sieben ist eine Vollzahl, das heisst eine Zahl, die etwas Umfassendes zum Ausdruck bringt. So wie die Zahl zwölf ein Ganzes, nämlich ein Dutzend, umschreibt, umschreibt die Zahl sieben ein Ganzes. In Henoch ist zahlensymbolisch also etwas zum Abschluss gekommen, was zu seinem aussergewöhnlichen Weggang von der Erde passt. Gewiss sind die Namen seiner Vorfahren nicht ohne Bedeutung. Es fällt auf, dass sich die Namen in zwei Gruppen aufteilen lassen: Enos und Jered betonen – gerade im Gegensatz zu Adam – den niedrigen Zustand, in dem sich der Mensch seit dem Sündenfall befindet. Auch Abel mag zu dieser Gruppe gezählt werden, denn obwohl er gottesfürchtig war, war er doch nur ein Hauch. Röm 5, 12 belehrt uns darüber, dass mit der Sünde auch der Tod in die Welt gekommen ist. Zur Niederung, in der sich der Mensch seit dem Sündenfall geistlich, moralisch und körperlich befindet, gehören auch die Vergänglichkeit und die Sterblichkeit, die alle Lebensformen betroffen haben. Dieser Gruppe steht die zweite Gruppe gegenüber: Die Rede ist von einem Stellvertreter, von einem Erworbenen und von Gottlob respektive von Einem, der Gott lobt. Das erinnert unweigerlich an den Herrn Jesus, der sich zu uns in die Niederung begeben, sich als unser Stellvertreter hingegeben und alle, die da glauben, für Gott, den Vater, erworben hat. In der folgenden eindrücklichen Stelle aus dem Brief an die Philipper erkennen wir nicht nur etwas von Seth, Kenan und Mahalalel, sondern auch etwas von Jered, von der Niederung (Erniedrigung), in die sich unser geliebter Herr begeben hat:

5 Denn diese Gesinnung sei in euch, die auch in Christo Jesu war, 6 der, da er in Gestalt Gottes war, es nicht für einen Raub achtete, Gott gleich zu sein, 7 sondern sich selbst zu nichts machte und Knechtsgestalt annahm, indem er in Gleichheit der Menschen geworden ist, und, in seiner Gestalt wie ein Mensch erfunden, 8 sich selbst erniedrigte, indem er gehorsam wurde bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz. Phil 2, 5–8

Ja, der Herr Jesus, der wahre Mensch, der zweite und der letzte Adam (1. Kor 15, 45), hat sich selbst erniedrigt, zu nichts gemacht, ist ein schwacher, aber sündloser Mensch geworden und hat den gewaltsamen Tod am Kreuz erlitten, um uns zu erretten! Gepriesen sei Sein Name in alle Ewigkeiten! Durch Sein Blut hat Er uns erkauft (Offb 5, 9); wir, die wir glauben, gehören nun Ihm.

So können wir die Geschichte, von der die Namen der Vorfahren Henochs erzählen, als einen Überblick über die Menschheitsgeschichte verstehen, von der Schöpfung im Ebenbild Gottes über den Sündenfall und den niedrigen Zustand bis zum Kommen des Herrn Jesus und Seinem stellvertretenden Opfer am Kreuz, über das seit etwa 2 000 Jahren alle Menschen belehrt werden, weil das Evangelium gepredigt wird. Den Abschluss des aktuellen Zeitalters wird die Entrückung bilden, wie Henochs Entrückung die Geschichte bis zum Siebten von Adam Judas 1, 14 abgeschlossen hat.

Die ewig gültige Aussage, dass die Errettung nur im stellvertretenden Opfer Christi zu finden ist, hatte schon im Opfer Abels eine sinnbildliche Verwirklichung gefunden und ist auch der Glaube gewesen, in den Henoch eingeweiht gewesen ist, der Glaube, den er gehabt hat. Doch bevor wir uns näher mit Henoch beschäftigen, will ich noch einige Worte zu seinem Umfeld verlieren. Wenn man die oben erwähnten Altersangaben addiert, ergibt sich, dass Henoch 622 (= 130 + 105 + 90 + 70 + 65 + 162) Jahre nach dem Jahr «Null» geboren worden ist. Im Alter von 65 Jahren hat er Methusalah gezeugt (1. Mose 5, 21), den Mann, der das höchste biblisch verbürgte Alter erreicht hat: 969 Jahre (1. Mose 5, 27). Methusalah ist also im Jahr 687 zur Welt gekommen und im Jahr 1656 gestorben. Er ist der Grossvater von Noah gewesen, der 369 Jahre nach ihm zur Welt gekommen ist, also im Jahr 1056 (vgl. 1. Mose 5, 25. 28). 500 Jahre später, im Jahr 1556, hat Noah seine drei Söhne Sem, Ham und Japhet gezeugt (1. Mose 5, 32). Nochmals 100 Jahre später, also genau in dem Jahr, in dem Methusalah, der Sohn Henochs, starb (Jahr 1656), kam die Grosse Flut über die Erde (1. Mose 7, 11). Henoch, der nur 365 Jahre alt geworden ist (1. Mose 5, 23), war bereits knapp 600 Jahre vor der Sintflut von der Erde genommen worden, nämlich im Jahr 987. Dieser Umstand könnte zum Trugschluss verleiten, dass Henoch in einem deutlich angenehmeren Umfeld als sein Urenkel Noah gelebt habe. Doch beachten wir zunächst, dass es in 1. Mose 6, 5 nicht heisst, erst damals seien die Bosheit des Menschen gross auf der Erde und alles Gebilde der Gedanken seines Herzens nur böse den ganzen Tag gewesen. Die Stelle in 1. Mose 6, 5 enthält keine Zeitangabe. Der gleich davor beschriebene Gipfel der Gottlosigkeit, die Vermischung von Menschen und (gefallenen) Engeln (1. Mose 6, 2), fand ebenfalls nicht erst zur Zeit Noahs statt, sondern begann ab dem Zeitpunkt, als die Menschen begannen, sich auf der Fläche des Erdbodens zu mehren und ihnen Töchter geboren wurden 1. Mose 6, 1. Schon lange vor der Geburt Noahs musste es also schon zu diesen Greueltaten gekommen sein. Beachten wir weiter, dass es bereits kurz nach dem Jahr «Null» zum schrecklichen Brudermord an Abel gekommen war. Die Ermordung des eigenen Bruders ist nun aber etwas vom Schlimmsten, zu dem der Mensch fähig sein kann.

Es gibt zwar unterschiedlich schwerwiegende Sünden, aber die Sünde insgesamt, also die Macht oder das Prinzip, das uns den Weg Gottes verfehlen lässt, kennt keine Schweregrade. Sie wirkt oder sie wirkt nicht. Sobald sie in die Welt gekommen war, hat sie gewirkt. Bis heute ist sie wirksam geblieben, ohne dass sie sich in ihrer Intensität verändert hätte. Der Brudermord an Abel zeigt, dass die Sünde sofort nach ihrem Wirksamwerden Menschen zum Äussersten hat treiben können. Kaum war die Sünde da, war sie voll da.

Obwohl die Bibel von keiner Tat Kains berichtet, die auch nur annähernd an die schreckliche Ermordung Abels heranreicht, zeigt die weitere Geschichte Kains doch, dass die Sünde, verstanden als die Macht oder das Prinzip, das uns den Weg Gottes verfehlen lässt, in seinem Leben bis zum Schluss wirksam geblieben ist. So baute Kain eine Stadt (1. Mose 4, 17). Nun werden sich die Leser vielleicht fragen, was denn daran verwerflich sein sollte. Die Stadtgründung ist nicht an sich verwerflich, aber sie zeigt eben ganz deutlich, dass Kain nicht mit Gott wandelte, weil er nicht nach Seinem Willen handelte. Offenbar war er bestrebt, sich selbst einen Namen zu machen. Eine Stadt zeichnet sich nämlich durch ihre Befestigung, durch ihre Grösse, durch ihre wirtschaftliche Bedeutung und durch ihre Dauerhaftigkeit aus. All das sind Eigenschaften, die dem Gläubigen völlig fremd sind, denn er erwartet die Stadt, die Grundlagen hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist Hebr 11, 10, sieht die Verheissung nur von fern und bekennt, dass er ein Fremder und ohne Bürgerrecht auf der Erde ist (Hebr 11, 13), zeigt deutlich, dass er ein Vaterland sucht (Hebr 11, 14). Abraham, Isaak und Jakob, die Stammväter Israels, waren allesamt Pilgrim, das heisst Reisende, Nomaden, Fremdlinge, ohne feste Bleibe. Und was sagte der Herr Jesus von sich selbst? Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester, aber der Sohn des Menschen hat nicht, wo er das Haupt hinlege Mt 8, 20; Lk 9, 58. Ist das nicht bezeichnend? Doch Kain baute eine Stadt. Lot begab sich in eine Stadt, um in deren Tor zu sitzen. Nimrod, der erste grosse Held dieser Welt baute Städte, unter anderem Babel (1. Mose 10, 8–12). Sprichwörtlich den Gipfel erreichte diese Haltung im Turmbau zu Babel. Der Mensch Gottes sucht nicht seine eigene Ehre. Er will sich keinen Namen machen, will hier keine bleibenden Wurzeln schlagen. Der gottlose Mensch dagegen baut sich Städte, macht sich einen Namen, investiert sich in dieser Welt. So stammten denn auch der erste Musiker und der erste Schmied aus der Linie Kains und nicht aus der Linie der Verheissung (1. Mose 4, 21. 22). Etwa zur Zeit Henochs muss Lamech, der Fünfte nach Kain (vgl. 1. Mose 4, 17–19), gelebt haben. Lamech war aber ein Grossmaul (1. Mose 4, 24) und ein unbarmherziger, grausamer Mensch, Einer, der für eine Wunde einen Mann erschlug und einen Jüngling für eine Strieme (1. Mose 4, 23).

In der Geschichte der Menschheit beobachten wir zwar den Aufstieg und den Fall von verschiedenen Kulturen und Gesellschaften. Das sogenannte «christliche Abendland» befindet sich seit Jahrzehnten in einem Niedergang. Alle Zeichen sprechen für eine baldige, grundlegende Erschütterung. Dieser offensichtliche Niedergang unserer Gesellschaft verleitet uns oft zur Annahme, die Sünde nehme überhand oder das Ausmass der Sünde nehme zu. Wir sagen dann, dass früher noch alles besser gewesen sei. Doch 10 sprich nicht: Wie kommt es, dass die früheren Tage besser waren als diese? Denn nicht aus Weisheit fragst du danach Pred 7, 10. Die Sünde war schon von Anfang an voll «ausgereift». Schon Kain, der erste Mensch nach Adam, hatte nicht über sie geherrscht und hat seinen eigenen Bruder ermordet, was eine abscheuliche, grausame Tat gewesen ist. Der widernatürliche Verkehr zwischen Menschen und gefallenen Engeln ist bereits erwähnt worden. Lamechs Grausamkeit ist erwähnt worden. Die Abscheulichkeiten in Sodom sind zum Sprichwort geworden. Der Bericht in 1. Mose 6, 5 ist vernichtend. Bereits in den ältesten Schriften europäischer Mönche finden sich Berichte über homosexuellen Verkehr und Sodomie. Nein, die Sünde hat nicht zugenommen! Sie ist von Beginn weg in ihrem vollen Ausmass da gewesen und hat Generation für Generation ins Unglück gestürzt! Lassen wir uns nicht vom Umstand täuschen, dass man früher mehr im Verborgenen gesündigt hat und heute offener zur eigenen Gottlosigkeit steht! Darin ist zwar ein Aspekt des gesellschaftlichen Niedergangs zu erblicken, doch bezogen auf die Einzelnen ist die Sünde seit Anbeginn der Zeit immer genau gleich wirksam gewesen. Ist es nicht auch bezeichnend, dass man zur Zeit Enos’ (des Zweiten nach Adam!) angefangen hat, den Namen des Herrn anzurufen (1. Mose 4, 26)? Hatte man das bereits verlernt gehabt? Es besteht also zusammenfassend kein Zweifel daran: Henoch lebte in einem durch und durch gottlosen Umfeld.

Was hat nun Henoch in diesem gottlosen Umfeld getan? Er wandelte mit Gott 1. Mose 5, 22. 24, wie uns gleich zweimal nacheinander bezeugt wird. Die doppelte Erwähnung ist bedeutsam, denn eine Sache, die zweimal erwähnt wird, steht besonders fest, hat ein besonderes Gewicht (vgl. 1. Mose 41, 32). Sein Wandel mit Gott war das Merkmal, durch das sich Henoch von seinen Nächsten abgehoben hat. Während die meisten gottlos lebten und einige immerhin den Namen des Herrn anriefen, lebte Henoch in einer beständigen, innigen Gemeinschaft mit Gott, denn «mit Gott wandeln» bedeutet, sein Leben mit Gott zu teilen. Wie oft wird in der Christenheit leider verkannt, dass dies das herausragende Merkmal eines Christen sein sollte! Man stellt Regeln auf, hält sich an Gebote und an Verbote, engagiert sich in christlich erscheinenden Aufgaben und Tätigkeiten, aber verbringt Tag für Tag im Eigendünkel und nicht in Gemeinschaft mit Gott, dem Vater. Natürlich sollen unsere Moral makellos und unser Fleiss vorbildlich sein, doch das kommt nicht an erster Stelle. An erster Stelle steht die Gemeinschaft. Nur beispielhaft sei hier erwähnt, dass die erste Frage Gottes nach dem Sündenfall lautete: Wo bist du? 1. Mose 3, 9 – und nicht: Was hast du getan? 1. Mose 3, 13. Der Herr wollte keinen Rechenschaftsbericht erhalten, sondern suchte von Beginn weg nach dem Menschen, der sich selbst von Ihm entfremdet hatte. Und was sagte der Herr Jesus zu Martha, als diese sich beschwerte, weil ihre Schwester sie mit all ihrer (notwendigen) Arbeit alleine gelassen und «nur» zu den Füssen des Herrn Jesus gesessen hatte? Martha, Martha! Du bist besorgt und beunruhigt um viele Dinge 42 eins aber ist nötig. Denn Maria hat das gute Teil erwählt, das nicht von ihr genommen werden wird Lk 10, 41. 42. Der Herr sucht nicht – zusätzlich zu Seinen Myriaden von Engeln – nach weiteren perfekten Dienern, sondern nach einem Gegenüber, nach einer besonderen Form der Gemeinschaft. Natürlich wird diese Gemeinschaft durch alles getrübt, was nicht in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes steht, doch zuerst kommt die Gemeinschaft und dann kommt der Dienst. Das zeigt auch die Geschichte von Saulus: Saulus meinte, ein Eiferer für den Herrn gewesen zu sein, war aber jedenfalls vorbildlich im Fleiss und gehörte zur religiösen Elite. Er war ein vorbildlicher Diener. Trotzdem war er der erste der Sünder (1. Tim 1, 15)! Nach seiner Bekehrung blieb er ebenso fleissig und eifrig, verrichtete seinen Dienst nun aber in Übereinstimmung mit Gottes Willen. Doch das war nicht das Merkmal, das ihn zum Christen machte. Als Gott Hananias zu Saulus rief, sagte Er ihm nicht, Saulus würde nun für Christum eifern, sondern vielmehr: Siehe, er betet Apg 9, 11. Nicht der Dienst zeichnete Saulus aus, sondern das beständige Gebet (die Verwendung des Präsens bringt diese Beständigkeit zum Ausdruck), das heisst die ständige Gemeinschaft mit Gott. Es war deshalb zwar gut, dass einige Menschen den Namen Gottes anriefen, aber was Henoch tat, war viel besser: Er lebte beständig in dieser Gemeinschaft, die Gott sucht. So gab er Gott das, wonach Ihn in allererster Linie in Bezug auf den Menschen verlangt. Zugleich lebte er seiner Bestimmung entsprechend, denn der Mensch ist für diese Gemeinschaft geschaffen worden und kann nur in ihr seine wahre Erfüllung finden.

Wir hören und lesen immer wieder, dass dies und das schlecht sei, dass wir dieses und jenes tun oder lassen sollten, dass wir uns so und so verhalten müssten. Aber wo sind die Lehrer, die uns anleiten, mit Gott zu wandeln, unser Leben in echter Gemeinschaft mit Ihm zu führen? Weshalb wird dies so selten betont? Weshalb werden Seiten um Seiten mit Verhaltensanweisungen gefüllt, während nirgends erwähnt wird, dass wir unser ganzes Leben, alles von uns in die Hände Gottes geben und danach trachten sollen, bis an unser Lebensende in diesen Händen zu bleiben? Merken wir uns: Eins aber ist nötig Lk 10, 42; siehe, er betet Apg 9, 11! Henoch hat dieses Geheimnis verstanden. Die Bibel berichtet uns kaum etwas davon, was er so getan hat. Immerhin hat er 365 Jahre gelebt, also dreimal so lang wie unser Leben längstens dauern kann. Wir wissen fast nichts aus diesen 365 Jahren, aber zweimal wird uns gesagt: Er wandelte mit Gott. Wenn wir aus der Geschichte Henochs etwas für unser Leben lernen wollen, dann sollte es dies sein: Henoch war wohlgefällig vor Gott, weil er mit Ihm wandelte.

Leider kann kaum in Worte gefasst werden, was das genau bedeutet, denn mit Gott wandeln ist eine Lebensweise, die sämtliche Aspekte des Lebens betrifft und beeinflusst. Vielleicht kann ein beispielhafter Tagesablauf etwas veranschaulichen, was ein Wandel mit Gott bedeutet. Wenn wir mitten in der Nacht vermeintlich ohne Ursache erwachen, dann können wir uns entweder darüber ärgern, dass unser Schlaf gestört worden ist, oder wir können den Herrn fragen, ob es einen bestimmten Grund gebe, weshalb Er uns geweckt habe. Vielleicht will Er uns ja in den Lobpreis und in die Anbetung führen? Heisst es nicht im Buch Hiob: Wo ist Gott, mein Schöpfer, der Gesänge gibt in der Nacht Hiob 35, 10? Mitten in der Nacht, wenn alles ruhig ist und schläft, können wir eine viel ungetrübtere Gemeinschaft mit Gott haben als tagsüber. Haben wir schon einmal daran gedacht? Und wenn wir am Morgen erwachen, danken wir dann dem Herrn als Erstes für die Erholung und dafür, dass Er über uns gewacht hat? Legen wir Ihm den bevorstehenden Tag im Gebet hin, wie es in Ps 37, 5 gelehrt wird? 5 Befiehl dem Herrn deinen Weg und vertraue auf ihn, und er wird handeln! Ps 37, 5 In den stillen Minuten am frühen Morgen können wir dann entweder in Seinem Wort lesen und Ihn im Gebet suchen sowie als Priester Fürbitte tun, oder wir können uns mit den Nachrichten aus aller Welt, mit sozialen Medien oder dergleichen beschäftigen. Wenn wir zur Arbeit fahren, können wir uns über andere Verkehrsteilnehmer ärgern, die uns vermeintlich wertvolle Zeit rauben, die (natürlich!) ihr Fahrzeug und die Verkehrsregeln nicht annähernd so gut wie wir beherrschen und die es sich offensichtlich zum Ziel gesetzt haben, uns zur Weissglut zu treiben. Wir können aber auch rücksichtsvoll fahren, unsere Zeit in die Hände Gottes befehlen und uns im festen Vertrauen darauf zum Arbeitsplatz begeben, dass Er uns genau zu dem Zeitpunkt dort ankommen lassen wird, der Ihm gefällt. Dann müssen wir uns nicht über langsame und vorsichtige Verkehrsteilnehmer ärgern, weil wir wissen, dass diese uns keine Zeit kosten werden. Hätte der Herr uns früher am Arbeitsplatz haben wollen, hätte Er schliesslich dafür sorgen können, dass wir diesen «Schleichern» nicht begegnen. Vielleicht benutzen wir aber auch die öffentlichen Verkehrsmittel. Dann können wir uns entweder «verstecken», indem wir Musik hören und uns entweder in ein Buch, in eine Zeitung oder in ein Smartphone vertiefen oder angestrengt aus dem Fenster schauen. Wir können die Zeit und die Gelegenheit aber auch nutzen, indem wir den Herrn fragen, ob Er uns an einem bestimmten Platz haben will, und dann nach einer Gelegenheit trachten, einen Mitreisenden in ein Gespräch zu verwickeln oder einem Nächsten einen Dienst zu erweisen, indem wir beispielsweise unseren Platz später wieder freigeben. Am Arbeitsplatz können wir uns unser Arbeit widmen oder private Dinge tun. Wir können mit den Arbeitskollegen rumblödeln oder den Herrn darum bitten, eine Wache für unseren Mund zu bestellen und die Tür unserer Lippen zu behüten. Auch wenn wir ernsthaft und fleissig arbeiten, können wir dies mit oder ohne den Herrn tun. Wir können Ihn nämlich für jede Aufgabe um Unterstützung bitten, Ihn nach der Reihenfolge fragen, in der wir unsere Aufgaben erledigen sollen, und jederzeit bereit sein, auf Seine Stimme zu hören, falls Er uns eine Aufgabe zuweisen will. Wir können die Freundschaft mit den Kollegen oder die Freundschaft mit Gott suchen. Je nachdem werden wir uns anders verhalten, werden wir anders reden und werden wir anders denken. Das Mittagessen können wir gedankenlos runterschlingen oder mit Danksagung und Wertschätzung einnehmen. Wir können alleine essen und dazu im Internet surfen oder wir können uns Zeit für Gebet und Bibelstudium nehmen. Vielleicht gibt es aber auch eine Gelegenheit, Gemeinschaft mit anderen Christen zu haben oder einem Arbeitskollegen einen Dienst (in Wort oder Tat) zu erweisen. Am Abend und am Wochenende können wir uns weltlichen Freizeitaktivitäten widmen, unsere Gedanken mit Filmen oder Büchern füllen oder uns mit Gottes Wort beschäftigen. Unsere Aufgaben zuhause können wir murrend oder in Gedanken mit dem Herrn beschäftigt erledigen. Gerade Gartenarbeit kann etwas Wunderbares sein, weil wir uns dabei mit einem kleinen Ausschnitt aus Gottes herrlicher Schöpfung beschäftigen, die vielfältigen Wunder Seiner unerschöpflichen Kreativität bewundern und vielleicht auch dann und wann dankbar etwas ernten können, das Er aus Seinem Erdboden hat spriessen lassen, indem Er es regnen und die Sonne hat scheinen lassen. Selbst mühsame Arbeiten wie die Entfernung von Unkraut und die Bearbeitung des Bodens im Schweisse unseres Angesichtes kann uns daran erinnern lassen, was Er zu Adam gesagt hat. Das kann uns demütig werden lassen, sodass wir uns nicht – wie einst Kain – überheben. Wenn es mal Streit in der Familie geben sollte, können wir auf unserem Recht beharren und hartherzig sein oder wir können den Herrn nach Seiner Sicht der Dinge fragen und – sollten wir tatsächlich im Recht sein – es Ihm vielleicht auch gleich tun, auf unser Recht verzichten und unsere Nächsten gewinnen. Wir können unser Leben so dahin leben oder in allem danach fragen, was der Herr tun, sagen, denken oder fühlen würde. Wenn wir ständig mit Ihm verbunden sind und in der festen Gewissheit leben, dass Er für uns sorgt und es durch und durch gut mit uns meint, dann können wir allen Schwierigkeiten im Leben gelassen begegnen, weil wir uns sicher sein können, dass uns nichts von Seiner Liebe trennen kann. Das soll nur ein kleiner beispielhafter Einblick in ein Leben im Wandel mit Gott sein, um ein erstes Gefühl dafür zu vermitteln, was damit gemeint sein könnte.

Henoch, der mit Gott gewandelt ist, hat sich jedenfalls ganz sicher von seinen Mitmenschen unterschieden. Sicher hat er anders gesprochen und sich anders verhalten als seine Nächsten. Solange ein Gläubiger nämlich nicht geistlich eingeschlafen ist, unterscheidet er sich in seinem Sprechen und Tun immer von den Ungläubigen. Dabei handelt es sich nicht um eine heuchlerische, religiöse Maske, wie sie Ungläubige gerne aufsetzen (man denke nur an das Feigenblatt Adams oder an das, was der Herr Jesus über die Pharisäer und die Schriftgelehrten gesagt hat), sondern um eine im Innersten völlig andere Haltung, die notwendigerweise nach aussen hin ersichtlich wird, wie eine Lampe, die man auf den Tisch und nicht unter den Scheffel stellt. Kann man in unserem Verhalten erkennen, dass wir uns von den natürlichen Menschen unterscheiden, dass wir eine neue Natur erhalten haben?

Wenn wir sehr viel Zeit mit einem anderen Menschen verbringen, lässt es sich kaum vermeiden, dass wir diesem ähnlicher werden (und er uns). Wir nehmen Ausdrücke des andern in unser Repertoire auf, wir imitieren unbewusst bestimmte Bewegungen, sogar unsere Einstellungen und unser Denken können sich angleichen. Wenn wir wirklich mit dem Herrn wandeln, so, wie Henoch mit Ihm gewandelt ist, dann müssen wir Ihm ähnlicher werden. Es lässt sich nicht vermeiden. Aber das ist natürlich auch nichts, das es zu vermeiden gälte – im Gegenteil! In Eph 4, 13 heisst es mit Blick auf das Ziel der gesamten Versammlung, also aller Christen zusammen: 13 bis wir alle hingelangen zu der Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zu dem erwachsenen Mann, zu dem Mass des vollen Wuchses der Fülle des Christus Eph 4, 13. Das Ziel in unserem Leben ist es, zum vollen Wuchs zu gelangen, erwachsene Männer zu werden. Das bezieht sich auch auf Frauen, denn gemeint ist nicht das biologische Geschlecht, sondern die Rolle, die wir in der Gemeinschaft einnehmen sollen, also «Männer» im Gegensatz zu «Kindern». Und was ist dieser volle Wuchs? Wir lesen es im ersten Brief des Apostels Johannes: 2 Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes, und es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden; wir wissen, dass wir, wenn es offenbar werden wird, ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist 1. Joh 3, 2. Wir sollen Christo gleich sein, wir sollen sein, wie Er ist! Das ist das Ziel der lebenslangen Entwicklung, die wir nach unserer Bekehrung durchlaufen sollen. Wir sollen Christo gleich werden. Den vollen Wuchs haben wir erreicht, wenn wir erwachsene Männer sind, wenn wir Männer sind, wie der Herr Jesus ein Mann – der vollkommene Mann – gewesen ist.

Wie können wir dieses Ziel erreichen? Indem wir mit Gott wandeln. Indem wir studieren, wie Er ist, wie Er denkt, wie Er fühlt, wie Er spricht und wie Er handelt. Indem wir in den Fussstapfen des Herrn Jesus wandeln. 21 Denn hierzu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten, euch ein Beispiel hinterlassend, damit ihr seinen Fussstapfen nachfolgt 1. Petr 2, 21. Dazu sind wir berufen worden! Das ist die grosse Aufgabe in unserem Leben, dass wir dem Beispiel Christi folgen und in Seinen Fussstapfen wandeln! Wir können ein Leben lang in Seinem Namen arbeiten und doch nie mit Ihm gewandelt sein: 22 Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, haben wir nicht durch deinen Namen geweissagt und durch deinen Namen Dämonen ausgetrieben und durch deinen Namen viele Wunderwerke getan? 23 Und dann werde ich ihnen erklären: Ich habe euch niemals gekannt; weicht von mir, ihr Übeltäter! Mt 27, 22. 23 Es ist gut und notwendig, dass wir im Namen des Herrn arbeiten, aber es ist noch notwendiger – ja sogar die oberste Priorität –, dass wir mit Ihm wandeln, dass wir Ihn kennen und dass Er uns kennt. Wenn der Herr Jesus einmal zu uns sagen wird, wir seien gute und treue Knechte, dann wird das eine sehr hohe Auszeichnung sein. Von Henoch lesen wir diesbezüglich nichts. Aber er hat eine noch höhere Auszeichnung erhalten, denn das Beste, das man von uns sagen kann, ist, dass wir mit Gott gewandelt seien. Das zeigt nämlich nicht nur, was wir getan haben, sondern auch, wie wir gewesen sind, weil wir uns der Verwandlung unseres Wesens in die Gleichförmigkeit Gottes nicht entziehen können, wenn wir in beständiger Gemeinschaft mit Ihm leben. Und besingen und beten wir Ihn nicht für Seine wunderbaren Eigenschaften an? Preisen wir nicht Seine Gnade, Seine Barmherzigkeit, Seine Liebe, Seine Treue, Seine Gerechtigkeit? Was könnte es besseres geben, als Ihm immer ähnlicher zu werden?

Henoch kann keinen Triumph vorweisen, wie Elia, der am Berg Karmel 450 Baalspriester gedemütigt und ausgerottet hat. Aber er ist mit Gott gewandelt. Ich kann mich irren, aber diese Auszeichnung hat kein anderer Mensch in der Bibel erhalten. Der Triumph Elias hat etwas Vergängliches an sich, weil Elia danach in eine tiefe Trostlosigkeit gefallen ist, an deren Ende der Herr ihm den Prophetendienst weggenommen hat. Aber der Wandel Henochs mit Gott hat etwas Ewiges, nicht nur weil er entrückt worden ist und dadurch ununterbrochen weiter mit Gott hat wandeln können, sondern weil der Wandel mit Gott sein Lebenswerk und noch mehr als das, nämlich seine Lebenseinstellung, sein Wesen, seinen Charakter, beschreibt. Auf unseren Grabsteinen sollte dereinst nicht stehen, wir hätten dieses oder jenes getan, sondern vielmehr: «Er wandelte mit Gott.» In Hebr 11, 5 heisst es am Ende, dass Henoch vor seiner Entrückung ein gutes Zeugnis ausgestellt worden sei, denn vor der Entrückung hat er das Zeugnis gehabt, dass er Gott wohlgefallen habe Hebr 11, 5. Das ist der biblische Beweis dafür, dass der Wandel mit Gott Ihm wohlgefällig ist.

Der Wandel mit Gott hat gewiss das Handeln Henochs beeinflusst. Tatsächlich wird im Brief des Apostels Judas kurz auf etwas Bezug genommen, das Henoch getan hat:

14  Es hat aber auch Henoch, der Siebte von Adam, von diesen geweissagt und gesagt: «Siehe, der Herr ist gekommen inmitten seiner heiligen Tausende, 15 um Gericht auszuführen gegen alle und zu überführen alle Gottlosen von allen ihren Werken der Gottlosigkeit, die sie gottlos verübt haben, und von all den harten Worten, die gottlose Sünder gegen ihn geredet haben.» Jud 1, 14. 15

Die Passage im Judasbrief bezieht sich auf gottlose Menschen, die sich in die christliche Gemeinde hineingeschlichen und behauptet haben, sie seien Christen, die Unheil im Kreis der Gläubigen angerichtet haben und für die der Apostel Judas sehr starke Worte gefunden hat. Von diesen Menschen hatte Henoch geweissagt. Wie ist das möglich? Nun, einerseits hat es diesen Typ von Mensch schon seit Anbeginn der Zeit gegeben. Obwohl Henoch erst der Siebte von Adam gewesen ist, muss er schon von heuchlerischen, gottlosen Menschen umgeben gewesen sein. Diese haben sich natürlich nicht in die damals noch gar nicht existierende Kirche einschleichen, aber sich eben doch schon genauso verhalten können, wie jene, die sich später in die Kirche eingeschlichen haben. Seine Weissagung hat sich auf diesen bestimmten Typ von Mensch bezogen, den es zu allen Zeiten gegeben hat, also auch schon in den Jahren, in denen er hier auf der Erde mit seinem Gott gewandelt ist. Andererseits kann sich eine Weissagung aber auch problemlos auf etwas beziehen, das im Zeitpunkt des Aussprechens noch Jahrhunderte in der Zukunft liegt.

Was ist denn eine Weissagung? Im ersten Brief an die Korinther finden wir wichtige Aussagen dazu: 1 Strebt nach der Liebe; eifert aber nach den geistlichen Gaben, viel mehr aber, dass ihr weissagt 1. Kor 14, 1. Die Weissagung ist also die höchste geistliche Gabe, denn wir sollen nach den – also nach allen – geistlichen Gaben streben, viel mehr aber nach der Weissagung. Der Wortstamm des griechischen Wortes im Urtext ist derselbe wie bei dem Wort, das wir als «Prophet» in die deutsche Sprache aufgenommen haben. Statt Weissagung könnte man also auch Prophetie sagen. Eine Prophetie kann sich auf zukünftige Dinge beziehen. Sie kann aber auch etwas betreffen, das bereits passiert, aber noch nicht bekannt geworden ist. So ist der Prophet Nathan zum König David gesandt worden, um dessen Sünde prophetisch aufzudecken. Die Sünde war längst begangen worden, aber niemand konnte davon wissen. Mittels seiner prophetischen Gabe hat Nathan im Auftrage Gottes aufdecken können, was geschehen war. Daniel hat dagegen Einsicht in künftige Dinge erhalten, die sich später mit einer solchen Detailtreue tatsächlich ereignet haben, dass gottlose Menschen behaupten, das Buch Daniel sei erst viel später als angegeben geschrieben worden. Aber für Gott sind alle Dinge gleichermassen offenbar, die heimlichen und die öffentlichen, die vergangenen und die zukünftigen. Alles liegt vor Ihm. Er steht ausserhalb der Zeit. Kategorien wie Vergangenheit und Zukunft gibt es bei Ihm gar nicht. Weshalb sollte Er das Buch der Offenbarung, das sich mehrheitlich auf zukünftige Ereignisse bezieht, nicht in der Vergangenheitsform verfassen lassen, wie wenn all diese Ereignisse schon längst geschehen wären? Das ist für Ihn überhaupt kein Problem, denn die Zukunft steht für Ihn ebenso fest wie die Vergangenheit. Ob sich eine Prophetie auf Zukünftiges oder auf Vergangenes bezieht, ist vor Gott also nebensächlich. Weissagung ist Weissagung, ob sie künftige oder vergangene Dinge betrifft. Da sich die Weissagung Henochs noch nicht erfüllt hat, kann kein Zweifel daran bestehen, dass sie sich auf einen Moment bezogen hat, der sogar für uns noch in der Zukunft liegt, obwohl sie bereits vor Jahrtausenden ausgesprochen worden ist.

Haben wir in der Versammlung, der wir angehören, Propheten unter uns? Kennen wir jemanden wie Agabus, der eine Hungersnot und das Ende des Apostels Paulus vorhergesagt hat, oder jemanden wie Petrus, der die Sünde von Ananias und Sapphira vor Augen gesehen hat, wie wenn er dabei gewesen wäre? Falls dies nicht der Fall ist, streben wir denn nach Weissagung? Der Brief an die Korinther ist nicht nur für die Korinther geschrieben worden, denn dann hätte er nicht seinen Platz im biblischen Kanon erhalten. Was geschrieben steht, steht für uns geschrieben, zu unserer Belehrung und Ermahnung (2. Tim 3, 16; 1. Kor 10, 6. 11), damit wir glaubend Leben haben (Joh 20, 31). Wenn es da also heisst, wir sollen nach Weissagung streben, und wenn es in unserer Mitte keine Weissagung gibt, dann fehlt uns etwas. Und wenn der Herr unsere Gebete nicht erhört, dann müssen wir nach dem Grund forschen. Es kommt nicht von ungefähr, dass ausgerechnet Henoch der erste Prophet gewesen ist respektive die erste Weissagung ausgesprochen hat, denn infolge seines Wandels mit Gott ist er ein absolut geeignetes Gefäss dafür gewesen.

Wir Christen haben uns im Allgemeinen mit einem viel zu niedrigen Zustand zufrieden gegeben. Wir lesen in der Apostelgeschichte, stellen fest, dass jene Ereignisse überhaupt nicht mit unseren Zuständen heute zu vergleichen sind und trösten uns mit dem Gedanken, dass damals halt eine andere Zeit gewesen sei. Zwar leuchtet ein, dass der Herr den christlichen Weg zu Beginn in einer besonderen Weise mit Zeichen und Wundern als den neuen Weg bestätigt hat und dass die Apostel in einer anderen Weise mit geistlichen Gaben ausgerüstet gewesen sind als der «normale» Christ. Das erklärt einen gewissen Rückgang an Zeichen und Wundern in den letzten knapp 2 000 Jahren. Aber man müsste doch blind und taub sein, wenn man sich mit dieser Erklärung zufrieden geben würde! Wir haben heute nicht weniger Zeichen und Wunder; wir haben gar keine mehr – ausser jenen, von denen uns charismatische Prediger immer wieder erzählen, ohne je auch nur ein einziges Zeichen oder Wunder beweisen zu können. Da ist nichts. Die Kirche liegt am Boden, ist wie ein Glas nach einem Sturz in tausend Splitter zerborsten, von Skandalen gebeutelt, lasch, lau, fad und in weiten Teilen einfach nur tot. Wir häufen Sünden an, wie wenn wir in einem Wettstreit mit den Gottlosen stünden. Nichts, aber auch gar nichts unterscheidet uns von der Welt, die Gott hasst. Wir lassen uns scheiden und wieder verheiraten, leben im Konkubinat, streben nach Macht, Ruhm und Ansehen, scheffeln Geld, täfeln unsere Häuser, während das Haus Gottes wüst und leer liegt und vergeuden unsere kostbare Zeit mit Vergnügungen, die uns die Welt anbietet. Wie könnte der Herr Weissagung mitten in diesen katastrophalen Sündenhaufen geben? Wie könnte Er unsere Gebete erhören? Wie sollte das gehen? Es ist nicht möglich! Wir sollten uns schämen! Wir sollten Gott auf den Knien und unter Tränen anflehen, uns unsere immense Schuld zu vergeben. Kaum einer von uns wandelt mit Gott. Wer unter uns sollte denn würdig für eine Prophetie sein? Wenn wir Propheten sein wollen, dann müssen wir wie Henoch mit Gott wandeln.

Was nun die Prophetie betrifft, die in Jud 1, 14. 15 wiedergegeben ist, so liegt ihre Besonderheit vor allem darin, dass sie in der Vergangenheitsform geäussert worden ist: Der Herr ist gekommen, obwohl das selbst heute, Jahrtausende nach Henoch, noch nicht geschehen ist. Das Kommen des Herrn zum Gericht inmitten seiner heiligen Tausende ist aber eine feststehende Tatsache, etwas, von dem sogar der gottlose Mensch in seinem tiefsten Innern weiss, dass es geschehen wird. Im Brief an die Römer heisst es nämlich, dass sie, Gott kennend Röm 1, 21, und obwohl sie Gottes gerechtes Urteil erkennen, dass die, die so etwas tun, des Todes würdig sind, es nicht allein ausüben, sondern auch Wohlgefallen an denen haben, die es tun Röm 1, 32. Sie wissen also, dass es einen Gott gibt und dass Er Rechenschaft von ihnen fordern wird. Unter allen Menschen gibt es 15 solche, die das Werk des Gesetzes geschrieben zeigen in ihren Herzen, wobei ihr Gewissen mitzeugt und ihre Gedanken sich untereinander anklagen oder auch entschuldigen Röm 2, 15. Andere haben die Stimmen ihrer Gewissen einfach betäubt oder übertönt, aber sie wüssten es ebenso. Doch damit nicht genug! Der Herr hat bereits den Siebten von Adam, Henoch, klar und deutlich, unmissverständlich und ohne jeden Zweifel, weissagen lassen, dass Er zum Gericht kommen wird, dass Er alle Gottlosen von ihren gottlosen Werken und von den harten Worten, die sie gesprochen haben, überführen wird. So hat Gott von Beginn weg sagen können: 8 Er hat dir kundgetan, o Mensch … Micha 6, 8! Einer der Charakterzüge Gottes ist es, dass Er niemanden ohne eine Vorwarnung ins Messer laufen lässt. Jeder, der ins Messer läuft, ist gewarnt worden, mindestens zwei- oder dreimal (vgl. Hiob 33, 29). Auch Sein Volk Israel warnte der Herr immer und immer wieder, früh sich aufmachend und sendend 2. Chr 36, 15; vgl. Jer 7, 13; 7, 25; 11, 7; 25, 3. 4; 26, 5; 29, 19; 32, 33; 35, 14. 15; 44, 4. Jeder, der sich einmal vor Gott wird verantworten müssen, wird zugeben müssen, dass er es hätte wissen müssen. Keiner wird sagen können: «Wenn ich das gewusst hätte … !» Henoch ist bei weitem nicht der Einzige gewesen, der vor dem kommenden Gericht gewarnt hat, aber ihm ist doch die Ehre zuteil geworden, der Erste gewesen zu sein.

Nicht jeder kann natürlich erleben, wie Gott zum Gericht kommen wird, denn die meisten werden sterben, bevor es soweit ist. Das ist ja bereits seit Jahrtausenden der Fall. Doch dem Gericht können die Menschen nicht durch den Tod entgehen. Nach ihrem Tod bleiben die Menschen im Abgrund (Scheol bzw. Hades) aufbewahrt, bis die Zeit des Gerichtes gekommen ist. Es ist den Menschen gesetzt, einmal zu sterben, danach aber das Gericht Hebr 9, 27. Berücksichtigt man alle Menschen, die je gelebt haben und noch leben werden, dann wird nur ein verschwindend geringer Anteil die Ankunft Gottes zum Gericht lebend erleben. Die anderen werden aus dem Totenreich gerufen werden, damit Gott über sie richten kann. Nur eine Gruppe von Menschen wird nicht in jenem Gericht erscheinen müssen: 24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod in das Leben übergegangen Joh 5, 24. Für jene, die (echt) glauben, führt der Weg nicht über den Tod ins Gericht. Für sie ist der Tod nur eine Tür, durch die sie gehen müssen, um das ewige Leben, das sie bereits erhalten haben, weiterführen zu können. Der Herr Jesus selbst unterscheidet in Joh 5, 29 zwischen der Auferstehung zum Leben und jener zum Gericht. In der Offenbarung des Johannes finden wir diese beiden Arten von Auferstehung detailliert beschrieben (Offb 20).

Henoch hat diese Tatsache veranschaulichen dürfen. Er wandelte mit Gott; und er war nicht mehr, denn Gott nahm ihn weg 1. Mose 5, 24. Im Brief an die Hebräer heisst es hierzu erklärend: 5 Durch Glauben wurde Henoch entrückt, damit er den Tod nicht sehe, und er wurde nicht gefunden, weil Gott ihn entrückt hatte; denn vor der Entrückung hat er das Zeugnis gehabt, dass er Gott wohlgefallen habe Hebr 11, 5. Entrückung bedeutet, dass ein Mensch nicht stirbt, sondern direkt – in einem Augenblick, ohne Unterbrechung – von diesem Leben zum nächsten Leben wechselt. Die Entrückung ist die grosse Ausnahme vom allezeit gültigen Grundsatz, dass jeder Mensch einmal sterben muss, ausser er lebe noch zu der Zeit, wenn der Herr wiederkommen wird. Nur Henoch und Elia (auch ein Prophet) sind entrückt worden und nur Christen, die beim Anbruch der grossen Trübsal noch leben, können entrückt werden. Die Entrückung ist also etwas ganz Besonderes. Zudem muss bedacht werden, dass die Entrückung als eine Verheissung für einen gewissen Personenkreis erst im Neuen Testament eingeführt worden ist und dass auch der Blick hinter den Vorhang des Todes erst im Neuen Testament gewährt worden ist. Diversen alttestamentlichen Stellen lässt sich entnehmen, dass die Menschen damals noch keine genaue Kenntnis vom Leben nach dem Tod hatten. Sie konnten ja nur beobachten, wie Einer nach dem andern gewissermassen wie ein Schlafender unter die Erde gelegt wurde. Mehr wusste man nicht. So heisst es etwa in Ps 115, 17: 17 Die Toten werden den Herrn nicht loben, noch alle, die zum Schweigen hinabfahren. Die Söhne Korahs fragten: 11 Wirst du an den Toten Wunder tun? Oder werden die Schatten aufstehen, dich preisen? Ps 88, 11. Teilweise war zwar das Wissen um eine Auferstehung vorhanden, wie das Buch Hiob eindrücklich beweist: 25 Und ich, ich weiss, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er auf der Erde stehen Hiob 19, 25. Doch das Wissen darum war im Allgemeinen vage. Wenn wir etwas über das Leben nach dem Tod wissen wollen, müssen wir nicht das Alte, sondern das Neue Testament aufschlagen. Deshalb darf man wohl sagen, dass die Entrückung von Henoch und Elia damals umso bemerkenswerter gewesen sein muss, denn sie ist ja sozusagen der Beweis dafür gewesen, dass Menschen von dieser Erde verschwinden und bei Gott weiterleben können. Obwohl die Entrückten die Einzigen sind, die nicht auferstehen werden, weil sie nie gestorben sind, sind sie also paradoxerweise eben doch genau diejenigen, die eine Auferstehung beweisen.

Natürlich erweist sich die Wahl Gottes bezüglich derer, die Er entrückt hat, als wohl durchdacht und wegweisend. So hat Er nämlich mit Henoch einen Menschen aus den Nationen, das heisst aus der grossen Masse aller Menschen, entrückt. Erst viel später, nämlich mit der Berufung Abrahams, hat Gott sich eine Gruppe von Menschen aus dieser Masse ausgesondert, das ist das spätere Volk Israel. Mit Elia hat Er einen Israeliten – unter Gesetz! – entrückt. Mit Pfingsten ist schliesslich sozusagen das letzte Zeitalter mit einer zweiten Absonderung von Menschen eingeläutet worden: Die Kirche als die Gesamtheit aller Gläubigen ist an jenem Tag ins Leben gerufen worden. Die Verheissung der Entrückung ist nur auf Angehörige dieser Gruppe anwendbar. So gibt es nun also drei Gruppen von Menschen: Israeliten (Juden), Christen (Kirche, Gemeinde bzw. Versammlung) und Nationen (teilweise als Griechen bezeichnet). In einer Aufforderung, allen Menschen gegenüber ohne Anstoss zu sein, werden diese drei Gruppen genannt (1. Kor 10, 32). Die mit der Entrückung demonstrierte Möglichkeit einer Auferstehung zum Leben ist für jede dieser drei Gruppen nachgewiesen: Henoch für die Nationen, Elia für die Israeliten und die Verheissung für die Kirche. Wie wohl durchdacht doch die Wege Gottes sind!

Auch wenn die Entrückung etwas sehr Aussergewöhnliches ist, müssen wir uns darunter doch nichts Magisches vorstellen. Das zeigt der Bericht in 1. Mose 5, 24 sehr schön: Henoch wandelte mit Gott und war dann nicht mehr, weil Gott ihn weggenommen hatte. Er setzte seinen Wandel mit Gott also einfach ununterbrochen fort, nur an einem anderen Ort, nicht mehr hier auf der Erde. So wird auch das Leben nach dem Tod verlaufen, wie die Erläuterungen Jesu in Lk 16 zeigen: Wer sein Leben hier ohne Gott gelebt hat, wird die Augen an einem Ort fern von Gott aufschlagen und sich bereits in Qualen befinden, obwohl das noch nicht die Hölle, sondern «nur» der schlechte Teil des Totenreichs (Hades, Scheol) sein wird. Wer dagegen mit Gott gewandelt ist, wird anschliessend auch weiter bei Gott sein, nämlich im guten Teil des Hades, im Paradies. Man hat sich zwar von seinem Körper gelöst, die dem Verfall geweihte Hütte (vgl. 2. Kor 5, 1—4) und auch diese Erde also verlassen, aber lebt davon abgesehen unverändert weiter, setzt also sein Leben fort. Der Tod ist nur eine Art Vorhang, durch den man geht, der einen Raum vom andern trennt. Bildlich gesprochen ist Henoch seinen Weg über diese Erde mit Gott gegangen, hat das Ende erreicht und ist einfach weitergegangen. So sollen wir Christen auch unser Leben leben: Wir sollen mit Gott wandeln, wissend, dass wir unsere sterbliche Hülle und diese Erde irgendwann zurücklassen werden, aber uns danach sehnend, dann unseren Weg weiter mit Gott zu gehen, Ihm ganz nahe zu sein. Dann werden wir auch verwirklichen, was die grossen Glaubenshelden gemäss Hebr 11 ausgezeichnet hat: Wir werden Fremdlinge ohne eine feste Bleibe hier sein und mit unserem Leben beweisen, dass wir nicht hier, sondern nur bei Gott selbst nach einer Stadt suchen.

Zusammenfassend ist das Zeugnis Henochs also denkbar einfach: Lebe Dein Leben mit Gott, auch wenn Dein Umfeld Dir das Gegenteil beweisen will! Wie bei Henoch sollte man bei uns einen Unterschied zur Allgemeinheit in unserem Lebenswandel feststellen, und sollten unsere Taten bezeugen, dass wir Gott nahestehen.